Schlagwort-Archive: Medienkritik

Der sterbende Stern

Wenn man sich das folgend Ausgeführte nicht explizit vor Augen führt, hätte man es wohl nie mitbekommen: Der Onlineableger des „Sterns“ namens http://www.stern.de scheint nicht nur keine Rolle mehr in den nationalen Onlinemedien zu spielen – er scheint auch von Googlenews als in der Versenkung verschollen aussortiert.

stern de niedergang

Woran liegt’s?

Nun, wenn man sich die Website des Sterns mal anschaut, kann man schnell erahnen: Eine Aufmachung wie bei Vice, doch eine Inhaltsleere wie Clickbait– oder SEO-Seiten . Macht den Test: geht zu Googlenews und scrollt von oben nach unten; es wird sich kein einziger Artikel gelistet finden, der vom Stern stammt. Schon der deutsche „Starblogger“ Stefan Niggemeier hat vor einigen Jahren die Nichtigkeit des Stern-Onlineauftrittes entlarvt.

Der sterbende Schwan Stern scheint demnach nicht nur der allgemeinen Opferung der Printmedien zu erliegen – er scheint auch das erste prominente Opfer des Mainstream Onlinejournalismus geworden.

Sodann, ihr Medienschaffenden: Nehmt euch ein Beispiel am Stern und macht euren Job – statt ungezwungener Selbstgleichschaltung besser dem Strome entgegen schwimmen…

Verhinderte Kommentare und semizensiertes Meinungsklima in der Online-Flüchtlingsdebatte

Die deutsche Medienlandschaft scheint im Umgang mit Online-Kommentatoren unter ihren Artikeln über ein beliebiges Flüchtlingsthema sehr gespalten. Einige Nachrichtenportale ermöglichen eine Online-Diskussion, andere nur äußerst spärlich und wiederum andere überhaupt nicht.

Dazu eine kurze, bei weitem nicht vollständige Liste der entsprechenden Nachrichtenportale.

Ermöglicht oft eine Diskussion unter Flüchtlingsartikeln:

Welt online

Focus online

Ermöglicht selten eine Diskussion unter Flüchtlingsartikeln:

Spiegel online*

Ermöglicht keine Diskussion unter Flüchtlingsartikeln:

Bild.de**

Meinungsklima in den Kommentarbereichen:

Interessant ist auch die Beobachtung, dass in JEDEM Diskussionsstrang eines Artikels zur Flüchtlingsproblematik die Kritiker zu über 90% überwiegen! Fast alle Kommentatoren kritisieren den planlosen Umgang der Bundesregierung mit den nach Deutschland und Europa strömenden Flüchtlingen. Dennoch sollen laut Umfragen noch etwa 50% der Deutschen für die Aufnahme von weiteren Flüchtlingen sein. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Manipulation ist sicherlich nicht der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage; vielmehr wird es so sein, dass sich in den Online-Kommentarbereichen überwiegend internetaffine, politisch interessierte Menschen befinden, während die Umfragen auch alle anderen Menschen einbeziehen. Diese Diskrepanz lässt sich nämlich schon seit vielen Jahren beobachten: unter jedem politischen Artikel wird das politische System und die Regierung stark angegriffen; dennoch spiegelt sich diese virtuelle Meinungshoheit nie in den Wahlergebnissen wider.

PS. Damit wir uns nicht falsch verstehen: meiner Auffassung nach hat jeder Mensch dieses gemeinsamen Planeten das Recht, sein Wohnland selbst festzulegen und schrankenlos siedeln zu dürfen UND können. Leider verhindert dies unser gegenwärtiges System „Kapitalismus“ und erschwert zudem die Integration von Flüchtlingen – weil es eben viel kostet und das Geld nicht von dort genommen wird, wo es reichlich vorhanden ist; nämlich bei den „Hyperreichen“ (Multi)Millionären. Stattdessen belastet man „die kleinen Leute“ und provoziert so enorme soziale Spannungen. So kann man vor Not und Elend fliehende Menschen in nur viel zu geringer Anzahl menschenwürdig versorgen, die Kapazitäten platzen dennoch jetzt schon aus allen Nähten. Überdies trägt der Kapitalismus durch seinen immerwährenden Profitzwang die Hauptschuld an Armut und Krieg – und damit den wesentlichen Ursachen der Flüchtlingsströme. Die westliche Welt profitiert seit Jahrhunderten von der Ausbeutung rohstoffreicher, doch letztlich armer Länder. Nun müssen sie diese selbst gekochte Suppe auch auslöffeln! Überdies gilt es zu beachten, dass die neuen Mitmenschen mehr revolutionäres Potential mitbringen, als der alteingessene Deutsche: nicht unwahrscheinlich, dass wir uns mit den Flüchtlingen die Totengräber des Kapitalismus ins Boot geholt haben; es wäre großartig!

* Spiegel online am 8.10.2015:

Liebe Leserinnen und Leser,im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf SPIEGEL ONLINE finden Sie unter diesem Text kein Forum. Leider erreichen uns zum Thema Flüchtlinge so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist. Deshalb gibt es nur unter ausgewählten Artikeln zu diesem Thema ein Forum. Wir bitten um Verständnis.

** „Bild“ fragt am 8.10. ihre Leser per Telefon und Zuschrift um deren Meinung, gewährt aber weiterhin keinen Raum für Online-Diskussionen.

NACHTRAG 16.10.:

„Bild“ hat meine Anfrage beantwortet, weshalb denn keine Flüchtlingsartikel kommentierbar seien. Die Antwort war recht ausweichend:

„Auch bei uns ist es möglich, bestimmte Artikel zur Flüchtlingsthematik zu kommentieren, heute zum Beispiel diesen:

Der erste Kommentarbereich überhaupt! Aber wieso gibt es sonst keine Kommentarfunktion? Dem wich man in der Antwort gekonnt aus…

Wie die Flüchtlingsfrage gelöst werden könnte

In diesen Tagen kommen immer gewaltigere Kraftanstrengungen auf Deutschland zu, denn ungebrochen hält der Flüchtlingsansturm nach Mitteleuropa an – unhaltbaren kriegerischen oder ökonomischen Zuständen versuchen Millionen Menschen weltweit, zu entkommen.  Und wer kann es ihnen verdenken?

Die oberste Ursache der Flüchtlingsbewegung liegt zunächst in der Ausbeutung und Unterdrückungspraxis durch die Erste Welt gegenüber der Dritten Welt. Eine zweite, konkrete Ursache für die vielen Nah-Ost-Flüchtlinge, besteht in der Destabilisierung der gesamten Region durch die US- und NATO geführten Angriffs- und Ressourcenkriege.  Nun löffeln wir die Suppe aus, die wir selbst Jahre lang angerührt haben.

Aber wie ließe sich die Krise nun lösen?

Theoretisch müsste man die Ursache – Armut und Krieg – an ihrer Wurzel packen. Dazu aber bedarf es eines postkapitalistischen Gesellschaftssystems, denn im Gegenwartssystem Kapitalismus gehört Ausbeutung und Krieg untrennbar zusammen. Diese Unvereinbarkeit von Wunsch (globaler Frieden) und Realität muss medial diskutiert werden!

Wie aber die Krise jetzt vor Ort lösen? Letztlich läuft die „Flüchtlingsfrage“ immer auf den Aspekt der Finanzierung hinaus: können wir uns dies leisten? Und hier böte es sich an, endlich mal ein paar Prozentanteile Solidarsteuer der wirklich reichen einzubeziehen – gestaffelt nach vermögen, müssten Millionäre, Multimillionäre und Milliardäre nur wenige Prozent ihres unsäglich gewaltigen Vermögens abtreten und die Kostenfrage wäre vollständig gelöst. Und wahrscheinlich würden es die Betreffenden auch gar nicht mitbekommen, dass an ihrem Kontostand minimalste Veränderung stattfand.

Wieso aber liest man diesen Vorschlag KEIN EINZIGES MAL in den Medien? Vielleicht, weil einige der „Superreichen“ große Mediennetzwerke ihr Eigen nennen? Aber es widerspricht auch dem marktwirtschaftlichen Geist, dass  jemand sein Privatbesitz aus Nächstenhilfe teilen muss. Nein, da belasten wir lieber den normalen Bürger mit all den Unkosten, bloß nicht die Milliarden von dort einfordern, wo sie ungebraucht herumliegen.

NACHTRAG:

Ein äußerst wichtiger fakt wurde völlig vergessen – die Nichthilfe und Ignoranz der reichen arabischen Nachbarstaaten um die Saudi Arabien, VAE, Qatar und co.  Quasi keinen einzigen syrischen Flüchtling haben diese Länder aufgenommen. Wie ist das zu erklären? Und wieso stürzen sich nicht die Medien auf diese Ungereimtheit und fordern diploatmische Konsequenzen? Wieso fordert die Bundesregierung nicht lautstark, sich an der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu beteiligen?

Eine mögliche Erklärung für dieses asoziale, unsolidarische Verhalten liefert der Missionierungsgedanke. Macht es aus Sicht dieser muslimischen Staat nicht sehr viel Sinn, Millionen von Muslimen nach Europa wandern zu lassen, sodass sich dort die Religion verbreitet? Auch bergen diese Flüchtlingsströme das Potential zur Destabilisierung des europäischen Sozialgefüges sowie einer ökonomischen Schwächung. Dies wiederum läge doch sehr im Sinne der Wirtschaftskonkurrenz, zum Beispiel der USA. Aus diesem Grund vermuten manche auch den Einsatz der Flüchtlingswelle als sog. Migrationswaffe.

PS. dass wir uns nicht falsch verstehen: ich verstehe jeden einzelnen Flüchtling, habe gar Verständnis für sog. „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus dem Balkan. Meinetwegen kann jeder Mensch dorthin gehen, wo er sich am meisten Glück verspricht. Das Problem liegt aber in unserem Gegenwartssystem namens Marktwirtschaft, welches soziale Wohltat als inkompatibel zur Ideologie des ständigen Profitzwanges betrachtet (siehe oben Ausführungen zu den kaum besteurten „Superreichen“). In einem alternativen System  wären die Flüchtlingskosten sehr leicht zu bewältigen, im Kapitalismus allerdings nicht. Zudem setzt der Kapitalismus nicht an den eigentlichen Ursache der Migrationsbewegung an, sondern bedingt diese selbst.

Sei Du selbst und verstecke Dich – zur Werbekampagne #ungeschminkteWahrheit

dermablend ungeschminkte wahrheit werbung

Die Werbelügen werden immer dreister. Nicht nur, dass man orientierungsschwachen Menschen ständig falsche Werte und Normen über das Aussehen und seiner Bedeutung vermittelt; nun suggeriert man auch noch das Überschminken von Tattoos als Teil einer „Bleib-Dir-selbst-treu“-Philosophie – die aktuelle Kampagne des Kosmetikherstellers „VICHY“ zeigt ungewollt auf wunderbare Weise, wie bigott und paradox im Marketing zur Manipulation der Menschen gegriffen wird.

Großmundig wird die #ungeschminkteWahrheit Werbekampagne eines Make-Ups mit folgenden Worten eingeleitet:

Ob mit Hautmakeln oder ohne, ob tätowiert oder nicht – jeder hat das Recht so zu sein, wie er ist. Mit dem stark deckenden Vichy Dermablend Make-up kann man selbst entscheiden, ob und wann man seine persönliche #ungeschminkteWahrheit zeigen möchte.

Fairerweise muss man sagen, dass auch auf die Möglichkeit zur Awendung bei Vitiligo-Betroffenen verwiesen wird – doch unleugbar ambivalent ist der Aufmacher, man könne sich als bspw. Tättowierter besonders treu bleiben, wenn man seine die Selbstidentifikation stärkenden Hautverzierungen vor unliebsamen Blicken mithilfe des „Dermablend“-Makeups versteckt.

Sammlung der Schlagzeilen-Aufmachungen von „Bild.de“ zum Germanwings-Absturz

Während gängige Medien ihre (oft grenzwertige) Berichterstattung über die Tragödie des Germanwings Fluges U9252 immerhin mehrheitlich eingestellt haben, neigt sich nun auch die Ausschlachtungskampagne des „Bild“-Onlineablegers langsam dem Ende. Zeit, die unsägliche Aufmachung ihrer Schlagzeilen zum Unglück öffentlich einsehbar zu archivieren – allein die folgende Sammlung zeigt die groteske Haltung des „Bild“-Chefs Kai Diekmann beim Versuch, die Berichterstattung und bildhafte Darbietung seines Blattes zu rechtfertigen.

Zunächst die Druckausgabe der „Bild“ – hier zierten diverse Bilder die Titelseite ganze 6 Ausgaben der 8 Folgetage nach dem Absturz:

526.bild 530.bild
Nun die knapp 60 (und noch lange nicht vollständigen) Aufmachungen von „Bild.de“ im Zeitraum 25.03. bis 16.04. in weitestgehend chronologischer Reihenfolge – man beachte auch die ständige Redundanz und „Bild+“-Bezahlangebote für „Exklusiv“-„Informationen“:

egdvyy 12.bild 11.bild 21.bild 18.bild 2.bild (7) 6.bild (1) 5.bild 9ihnj 2.bild (8) 3.bild (2) 1.bild (1) 1.bild (2) 46rt 2.bild (9) 2.bild (12) flugunglück germanwings bild berichterstattung 789jhh 7rtfg6 1.bild (3) 3.bild (3) 2.bild (14) 1.bild (4) 2.bild (15) 124rqwas 1april erster tag wo bild de startseite NICHT  mit absturz aufmacht, das hier nur unter üblichen schalgzeilen kasten zu finden 1april doch nur wenige stunden später wieder toprank ganz oben hiermit k9tz 2.bild (16) 4.bild hn9o 2.bild (17) irfujge 3.bild (4) 2.bild (18) 2.bild (19) 2.bild (20) 4.bild (1) vom montag von montag 2 von sonntag von sonntag2 vom samstag von freitag von freitag2 von donnerstag3 von donnerstag4 hochstaplerin - bild wirft anderen bildjournalismus vor 67gg 3.bild (7) wafheuscbkich bild miatebreiteribn unglaublich selbst der todespilot ist noch ein mensch

PS: Um mal die „Bild“-Rechtfertigung der Rechtsabteilung zu persiflieren: Auch „wir kommen nach langen inner-redaktionellen Debatten […] zu der[…] Entscheidung“, dass die Authentizität wie auch der Aussagecharakter der „Bild.de“-Schlagzeilen als archivarisches Zeugnis der Zeitgeschichte einer Unkenntlichmachung der Person entgegensteht – das Kind ist ohnehin schon in den Brunnen gefallen.

Zur Unvereinbarkeit medizinischer Gesunderhaltung und ökonomischem Profitstreben

Folgend ein paar Überlegungen über die (Un-)Vereinbarkeit von Profitmaximierung und Gesundheitsfürsorge – exemplarisches Aufzeigen der Schwächen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Über ökonomisch wertlose doch medizinisch wertvolle Medikamente

Ein gutes Beispiel für die Absonderlichkeit eines profitorientierten Gesundheitssystem stellt eine aktuell laufende Studie[1] der Charité Berlin zur Wirksamkeit von Ketamin bei Schwerdepressiven dar. Obwohl etwa 20 Prozent aller an Depression Erkrankten auf gängige Pharmazeutika nicht ansprechen[2], konnte man mit Ketamin selbst bei dieser Zielgruppe beachtliche Erfolge erzielen:  Zwischen 60 und 70 Prozent der als therapieresistent eingeordneten Testpersonen erging es unmittelbar nach der Ketamin-Injektion deutlich und nachhaltig besser[3]. Dennoch besteht wenig Anlass auf Hoffnung für Nichtprobanden, da eine Zulassung von Ketamin als antidepressives Medikament unrealistisch erscheint. So erklärt Prof. Dr. Michael Deuschle in seiner Funktion als Oberarzt in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim dem Nachrichtenmagazin „VICE“  gegenüber, dass „keine Pharmafirma den hohen Aufwand, den Prozess der Zulassungsstudien des Zulassungsmedikaments“ für ein nicht mehr patentierbares (da 1962 erstmals synthetisiert und vier Jahre später patentiert) Arzneimittel auf sich nähme[4]. In der Bewertung muss man also unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass einzig und allein aus fehlender Profitperspektive heraus psychisch schwerbelasteten Menschen nicht geholfen werden will – nicht kann, will.

Vom Wissen und Missachten des „Werther-Effektes“

Diese Absonderlichkeit sei folgend mit einem weiteren Beispiel illustriert. Trotz seiner Erwiesenheit[5] wird den Auswirkungen des „Werther-Effektes“[6]  durch den auch den Medien unterliegenden Profitzwang heute wenig Beachtung geschenkt – wenn nach Fiedler und Neverla nämlich mehr noch als die eigentliche Berichterstattung eher die Art und Weise der medialen Berichterstattung auf die Suizidrate ausschlaggebend sei[7], so ist es nur legitim zu schlussfolgern, dass aufgrund ebenjenes Profitdrucks (vor allem die boulevardesken) Medien auf den Werther-Effekt wenig Rücksicht nehmen und eine entsprechende Ausschlachtung vor allem prominenter Suizide zur Auflagensteigerung vornehmen (müssen). So hat der Selbstmord des damaligen Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke im Jahr 2009 trotz dieser Kenntnis zu einem signifikanten Anstieg der Suizidrate geführt[8].

Wir finden also eine starke Ambivalenz zwischen Gemeinwohl einer- und privatem Profitinteresse andererseits vor, die als unüberbrückbarer Bestandteil dem kapitalistischen System immanent zu sein scheint und nur durch dessen Überwindung in eine postkapitalistische Gesellschaft aufzuheben ist.

_________________________

[1] Vgl. CharitéCentrum für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie: Informationsblatt Ketamin, in: http://psychiatrie.charite.de/patienten/behandlung_von_depressionen/behandlung_von_depressionen_mit_ketamin/?no_cache=1&cid=160793&did=54821&sechash=5f445e99 [06.10.2014], zuletzt geprüft: 07.02.2015, 16:41.

[2] Vgl. Hofmann, Birgit / Schauenburg, Henning: Psychotherapie der Depression. Krankheitsmodelle und Therapiepraxis, 2. Auflage, Stuttgart 2007, S. 143.

[3] Vgl. Jimenez, Fanny: Partydroge lässt Depressive hoffen, in: http://www.welt.de/print/die_welt/wissen/article125656723/Partydroge-laesst-Depressive-hoffen.html [11.03.2014], zuletzt geprüft: 07.02.2015, 22:02.

[4]  Eza, Gizem: Ketamin könnte Depressiven das Leben retten—wird aber wohl nie so eingesetzt, in: www.vice.com/de/read/ketamin-koennte-leben-retten-wird-aber-nie-eingesetzt-werden [21.03.2014], zuletzt geprüft: 07.02.2015, 22:09.

[5] Vgl. Huber, Gerd: Psychiatrie. Lehrbuch für Studium und Weiterbildung, 7. Auflage, Stuttgart 2005, S.593f.

[6] Der sogenannte „Werther-Effekt“ wurde erstmals 1974 vom amerikanischen Soziologen David Philipps als solcher benannt und steht in der Soziologie, Sozialpsychologie und Medienwirkungsforschung für den Zusammenhang zwischen einer erhöhten Selbstmordrate und der medialen Berichterstattung über Suizide. Er geht zurück auf den Goethe-Klassiker „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774.

[7] Lenz, Thomas / Zillien, Nicole: Medien und Gesellschaft, in: Lehr(er)buch Soziologie. Für die pädagogischen und soziologischen Studiengänge, hrsg. v. Herbert Willems, Wiesbaden 2008, S. 435-455.

[8] Vgl. Gerngroß, Johanna: Notfallpsychologie und psychologisches Krisenmanagement. Hilfe und Beratung auf individueller und organisationeller Ebene, Stuttgart 2014, S. 78ff.

„Ist das noch Meinungsfreiheit?“: Teenager wegen parodistischer Charlie Hebdo-Karikatur verhaftet

US-Zeitung feiert Osama bin Laden als Freiheitskämpfer im sowjetischen Afghanistankrieg

Damalige US-Zeitung feiert Osama bin Laden als Freiheitskämpfer im sowjetischen Afghanistankrieg

Das Messen ethischer Qualität mit zweierlei Maß hat ja in den westlichen Demokratien historische Tradition: waren beispielsweise die von den USA und ihren Verbündeten ausgebildeten und waffenbelieferten Mudschaheddin im Afghanistankrieg der 1980er Jahre im Kampf gegen „die Russen“ noch Helden und Verteidiger der Freiheit, so gelten die gleichen Leute im Kampf um ihre immer noch gleiche Heimat gegen die USA heute pauschal als „Terroristen“ oder „Aufständische“. Ließe sich hierüber in Nuancen noch diskutieren, so behandeln wir heute doch unbestritten getötete Menschen je nach regionaler Zugehörigkeit in ihrer medialen Wertschätzung völlig unterschiedlich. Jüngst wies darauf die Linkspartei-Abgeordnete Sarah Wagenknecht mit folgenden Worten hin:

„Wenn eine vom Westen gesteuerte Drohne eine unschuldige arabische oder afghanische Familie auslöscht, ist das ein genauso verabscheuenswürdiges Verbrechen wie die Terroranschläge von Paris, und es sollte uns mit der gleichen Betroffenheit und dem gleichen Entsetzen erfüllen. […] Der US-Drohnenkrieg etwa, der auch von Deutschland aus geführt wird, hat schon tausende Unschuldige ermordet und erzeugt in den betroffenen Ländern Gefühle von Ohnmacht, Wut und Hass.“

Nach dem unfassbaren Hype um die erste Ausgabe des Satireblatts Charlie Hebdo nach den verabscheuungswürdigen Morden in Paris – zeitweise wurden über 100 Euro pro Exemplar bei ebay gezahlt – erfährt Frankreich mittlerweile eine wahre Terror-Hysterie mit brutaler Einschränkung des neulich noch hochgepriesenen, unantastbaren Grundwertes der Meinungsfreiheit. So wurde nun ein 16-jähriger Teenager aus Nantes verhaftet, weil er eine frühere Charlie Hebdo Ausgabe zeitaktuell karikiert hat und via Facebook publizierte, obschon sein Nutzer-Profil laut der zuständigen Staatsanwältin Yvon Ollivier „keine dschihadistischen Züge“ aufweise und der Eintrag auch nach Darstellung des Schülers ausschließlich humoristisch zu verstehen sei. Die Verhaftung des Gymnasiasten erfolgte auf Grundlage des antiquierten französischen Pressegesetzes von 1881 (!), in welchem Artikel 24 Satz 6 die „direkte Anstiftung zum Terrorismus“ wie auch „die Verherrlichung von Terrorismus“ unter Strafe stellt. [Nachtrag: laut Heise wäre die Verhaftung aber konkret auf ein im November 2014 verabschiedeten Gesetzes erfolgt, ohne dafür eine Quelle zu nennen; siehe auch unten das Update]

Seltsamerweise verliert keine einzige deutsche Zeitung auch nur ein müdes Wort darüber. Einzig „Focus online“ widmet sich der Thematik ausgiebig in dem Artikel „Ist das noch Meinungsfreiheit? 54 Verurteilungen! Frankreich geht hart gegen ‚Terrorismus-Verherrlichung‘ vor„, erwähnt aber nicht die Verhaftung des Jugendlichen wegen der parodistischen Charlie Hebdo-Karikatur.

Hier die entsprechende Originalkarikatur und ihre Parodie durch den Teenager:

Aus "Der Koran ist scheiße - schützt nicht vor Kugeln" wurde:

Aus „Der Koran ist scheiße – schützt nicht vor Kugeln“ wurde…

"Charlie Hebdo ist scheiße - schützt nicht vor Kugeln"

„Charlie Hebdo ist scheiße – schützt nicht vor Kugeln“

Kann man jetzt finden wie man will; sicherlich nicht sehr geschmackvoll und ebenso wie das Original recht provozierend – unterliegt aber klar der Kunst- und Meinungsfreiheit. Eine Verherrlichung terroristischen Handelns oder gar eine Aufforderung dazu ist hierin nicht im Ansatz feststellbar, die Verhaftung ein Skandal. Ich vermisse ganz einfach den #Aufschrei der Medien bezüglich ihrer neulich noch überall selbstkämpferisch verkündeten Meinungsfreiheit, die man in Frankreich nun aber unter dem Deckmantel der „Terrorismus-Verherrlichung“ mehr schnell als bald zu Grabe zu tragen scheint – waren wir nicht letztens noch alle Charlie?

Update 25.01.2014 – Kommentar zum Userkommentar und Gesetzesgrundlage der Verhaftung

@Rainberg Dashowitz

Den Vorwurf der schlechten Recherche kann man nur postwendend an Sie zurückgeben – das Publikationsdatum meines Blogposts liegt ganze 3 (!) Tage vor dem Heise-Beitrag […]. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels gab es nach intensiver Recherche keine deutschsprachigen Quellen seriöser Medien dazu – einzig der umstrittene Blog „Alles Schall und Rauch“ schrieb kurz über die Verhaftung des karikierenden Schülers. Aus diesem Grund mussten diverse französische Quellen gesichtet und übersetzt werden – und aus jenen ging überdies hervor, dass sich das zur Verhaftung führende Gesetz auf das französische Pressegesetz von 1881 beziehe. Leider liefert der Heise-Artikel keine konkrete Quellenangabe zu einem im November 2014 verabschiedeten Gesetz gegen die „Verharmlosung von Terrorismus“ , auf dessen Grundlage die Verhaftung konkret fußen soll. Ob dieses Gesetz eventuell als Erweiterung des 1881 geschaffenen Pressegesetzes fungiert oder keinen Bezug dazu hat, wäre interessant zu erfahren. Ich konnte zunächst lediglich den Gesetzesentwurf dazu finden.

Zugegeben haben jedoch einige Medien bereits kurz zuvor eine dpa-meldung über allgemeine Ermittlungen in Frankreich wegen „Verherrlichung von Terrorismus“ (ohne weitere Erläuterung) kommentarlos zitiert und auch über andere Einzefälle von „Verharmlosung von Terrorismus“ berichtet – so zum Beispiel die Süddeutsche, die den Fall vom ohnehin als antisemitisch bekannten Komiker Dieudonné M’bala M’bala aufzeigt, welcher nach einer Facebook-Äußerung über das Paris-Attentat wegen des gleichen Gesetzes verhaftet wurde.

Allerdings hat bis zum jetzigen Zeitpunkt immer noch keine deutschsprachige Zeitung (zumindest in ihrer Onlineausgabe) über den verhafteten Schüler gesprochen. Der Unterschied wie die Brisanz dieser Verhaftung liegen nämlich in meinen Augen in dem prinzipiell gleichen Fall von künstlerischer Meinungsäußerung durch Anfertigen einer Karikatur bei gleichzeitig völlig unterschiedlicher Strafzumessung derselben. Es stünde also selbst bei „schlechter Recherche“ immer noch die ungeklärte Frage im Raum, weshalb die gängigen Massenmedien Deutschlands darüber kein Wort verlieren geschweige denn eine Debatte zu dieser bigotten Auslegung von Meinungsfreiheit initiieren. Vielleicht mögen Sie dazu einmal Stellung nehmen?

Update 28.01.2015: Kondolenzbuch „Je suis Charlie“

Thematisch passend fand ich in der Uni recht einsam im Foyer stehend ein öffentliches  Kondolenzbuch mit einladendem „Je suis Charlie“- Schild vor – und so mancher Eintrag teilt die o.g. Kritik der (medialen) Gleichgültigkeit gegenüber vielen außerabendländischen Gewaltopfern. Sicherlich eine nette Geste, doch bei so manch anderem Anlass hätte ich ein ebensolches Kondolenzbuch auch sehr begrüßt.

charlie hebdo kondolenz-buch unije suis charlo universitaet kondolenz

Mediale Zivilcourage: Wo ist der Unterschied zwischen Tugce und Joey?

Um vorab etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: Jeder, der in unserer heutigen Ellenbogen– wie Egogesellschaft selbstlos Zivilcourage ausübt, ist prinzipiell als Held anzusehen und verdient höchsten Respekt – darum soll es folgend auch gar nicht gehen. Vielmehr stellt sich die Frage, weshalb Person A für ihre Zivilcourage in einem unglaublichen Medienecho geehrt und honoriert wird, während Person B bei gleichem Szenario nicht einmal namentlich genannt wird? Beide Personen erlitten das gleiche Schicksal: sie wollten fremden Menschen in einer bedrohlichen Situation zu Hilfe eilen und bezahlten beide mit dem Leben. Die Personen heißen Tugce (23) und Joey (21). Beides junge Menschen, beide engagiert, beide kürzlich durch ihr Engagement zu Tode gekommen. Während man nun jedoch – sicherlich nicht unberechtigt – sogar eine Brücke nach Tugce benennen möchte, spricht niemand vom „Fall Joey“, so, als wäre dieser nicht weiter erwähnenswert oder gar von minderer Bedeutung.

Weshalb aber erfährt man von Joey nahezu nichts aus den Medien? Weil er ein paar Tage später starb, als die Tugce-Welle längst abgeebbt war und das Thema für die Gesellschaft „damit durch“ war? Ich hätte da ja eine andere, zugegeben sehr krasse, These: aufgrund ihrer unbestrittenen Attraktivität war Tugce das gefundene Fressen für die boulevardisierten Medien – eine hübsche junge Frau, die altruistisch handelt und dadurch zu Tode kommt; was ist dagegen schon ein – salopp formuliert – „durchschnittlicher Milchbubi“, von dem es ja nicht einmal hochauflösende Selfies in den sozialen Netzwerken zu finden gibt? Ich behaupte: es ging den dieses Thema bis aufs Mark ausquetschenden Medien nicht um die Tat an sich, sondern um die Ausschlachtung des Schicksals einer überdurchschnittlich attraktiven Frau. Heute, wo oft stark emotionalisierende Bilder die Schlagzeilen beherrschen, war Tugce mit ihren Porträtfotos nur ein Steigbügelhalter für „Bild“ und co, auf welchem solange geritten wurde, bis auch noch die letzte Klickzahl mitgenommen werden konnte.

Hier ein beileibe nicht vollständiger Auszug der Schlagzeilen-Aufmachung durch „Bild“.de – 23 Stück an der Zahl (ohne Updates):

z+90ßojü# 512014101 9´üujol0ß 865412710001 hi0hh89 6z8hu+ ´0lühnjjm h0 978üub7zzh 7ug9büt6 4650876püöä 7ftgzv ßjpömk 8o0zhli rbejmrrvfd j89jimhn 78ujikmnn 3tgg33g 0iükäpl v79üuji8 9tf978 4510410 31854411Nachtrag 11. Dezember, „Bild“ kann es nicht lassen:

089jipkß79upjio

Nachtrag 12. Dezember:

tugce brücke

Nachtrag 18. Dezember
(interessant ist, wie „Bild“ plötzlich das Gesicht verpixelt [verpixeln muss?])

tugce_mord_anschlag
Nachtrag 31. Dezember
„Bild“ ziert seine Werbung zur hauseigenen neuen Nachrichten-App „Buzz“ neben „Kims Glanzstück“ mit einer Schlagzeile über „Tugces Totschläger“ und fasst so unfreiwillig die Hauptthemen des Blattes zusammen – Sex und Gewalt:

bild-app_buzz

Nachtrag 20. Januar 2015
Endlich ist nun auch das „letzte Rätsel ihrer Schicksalsnacht gelöst“:
tugce bild jetzt aber auch das letzte rätsel geloest

Nachtrag 26. Januar 2015
„Bild“ rätselt weiter und fragt, ob denn „Tugces Totschläger schon nächste Woche frei“ komme:
tugce_täter_haftNachtrag 02. Februar 2015
Die Rätsel scheinen noch immer nicht vollständig gelöst – „Bild“ weiß jetzt aber, wie „Tugce wirklich starb“. Der Artikel ist wie schon die vorangegangen selbstverständlich nur für die bildungselitäre „Bild-Plus“-Nutzergruppe verfügbar:

tugce_so starb sie wirklich_ by bildde

Nachtrag 03.Februar 2015
Premiere: zum ersten Mal eine „Tugce“-„Nachricht“ ohne ihr Porträt zu verwenden.

tugce_koma-schläger_nasenbeinbruch_bild_informiert

Nachtrag 07. Februar 2015
„Bild“ gibt zu Protokoll, was es – wie ganz oben bei den bisherigen Schlagzeilen einsehbar – schon letztes Jahr zu Protokoll zu geben wusste:

tugce_sanel_hurensohn

Nachtrag 12. Februar 2015
The show must go on:

tugce_richter_sanel

tugces_haftpruefung

(Screenshot-Ausschnitt von „Bild.de“, kein Schlagzeilen-Bild)

Nachtrag 28.02.2015:
„Bild“ informiert, dass spätestens Ende April mit Neuigkeiten um den Tugce-Fall zu berichten ist – denn dann startet der Prozess. Absehbar, dass sich „Bild“ weitere Berichterstattung dazu auch vorher schon nicht nehmen lassen wird.

tugce_prozess

(Screenshot-Ausschnitt von „Bild.de“, kein Schlagzeilen-Bild)

Nachtrag 19.03.2015:
„Bild“-„Plus“-Leser erfahren ein Vierteljahr nach ihrem Tod von der Organspende Tugces.
tugce organspende

Nachtrag 21.04.2015:

tugce prozess bild am 21 04 2015

Nachtrag 23.04.2015:

23 04 tag vor TUGCE prozess

Nachtrag 24.04.2015:

tugce mutter gerichttug 3 tugce prozess unglaubliche redundanz bildstug pro2 tugce proz1

Nachtrag 27.04.2015:

tugce 2704 ERSTER beitrag von bild tugce 2704 tugce prozess streit 2704

Nachtrag 08.05.2015:
0805 tugce prozessNachtrag 22.05.2015:
Im Nachhinein sind wir immer schlauer – und „Bild“ ganz besonders.
tugce ärzte fehler angeblich

Nachtrag 27.5.2015:
Keine einzige der rund 50 Titelbild-Schlagzeilen kommt ohne ihr Foto aus – emotionale Leserbindung at its best.
tugce bild hurentochter

Nachtrag 03.06.2015:
tugce juni1 tugce juni 2 tugce juni 2015

Nachtrag 12.06.2015:
tugce prozess plädoyer 1206Nachtrag 15.06.2015:
sanel bruder schlägt frauen BILD vom 1506Nachtrag 16.06.2015:
heute sanel urteil tugce 1606 tugce urteil sanel m 3 jahre mutter spuckt auf tugce foto

sanels mutter spuckt tugce 1606

Nachtrag 17.06.2015:tugce bundesverdienstkreuz gauck 1706

tugce mörder 1706

Nachtrag 18.06.2015:

tugce tv debatte 1806


PS:
 Vielen Dank den honorierenden sowie vor allem den kritischen Kommentatoren für die Diskussionsbeiträge! Interessant, welch unterschiedliche Sichtweisen es zu geben scheint – während einige meine These als „logisch“ und „normal“ werten, empfinden sie andere als sehr gewagt und „krass“. Sofern die Authentizität gegeben ist, möchte ich an dieser Stelle auch mein tiefes Beileid an die Eltern von Joey aussprechen und mich für den Mut bedanken, in den Kommentaren Stellung zu nehmen. Der Medienhype um Tugce ist auch immer noch nicht vorbei; regelmäßig löst bspw. „Bild.de“ für uns „die letzten Rätsel der Schicksalsnacht“, wie hier im Blog stetig aktualisierend nachlesbar.